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Live-Interview im Institut für Kriminologie Köln: Effektive Kriminalitätsprävention durch individuelles Lerncoaching

Dr. Mario Bachmann lehrt und forscht an der Universität zu Köln in den Bereichen Straf- und Strafprozessrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug.

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Aufwind in Bergheim-Ost: Integration durch Bildung

Aufwind in Bergheim - Ost: Integration durch Bildung

Mit Freude verkünden wir das erfolgreiche Zustandekommen einer ganz besonderen Kooperation mit der ökumenischen Initiative "Neue Nachbarn in Bergheim-Ost".

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Bergheim sowie der ehrenamtlichen, finanziellen und organisatorischen Mithilfe der "Neuen Nachbarn" wird seit Juni 2018 eine wegweisende Lernförderung für bedürftige Kinder im Quartiersbüro (ehemalige Paulusschule), im Euel 2 in Bergheim-Niederaußem umgesetzt.

Ein Netzwerk aus vielen tatkräftigen Menschen hilft den Familien bei der Finanzierung einer professionellen, individuellen Lernförderung durch die Lerncoaches des Aufwind-Instituts, indem u.a. Einkünfte aus ehrenamtlicher Arbeit in das Projekt miteinfließen und zentrale Lernräumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Hierdurch wird eine Lernförderung auch über die Ferien hinweg sichergestellt.

Stellvertretend für alle helfenden Hände, sprechen wir im Namen der Familien und Schüler an dieser Stelle unseren Dank und unsere Anerkennung an Christa Mödder (Neue Nachbarn in Bergheim - Ost) und Sabine Niehus (Leiterin Quartiersbüro) aus!

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Soziale Ungleichheit: Merkmale. Folgen. Lösungen. 

Soziale Ungleichheit: Merkmale. Folgen. Lösungen.

Große Schlucht zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Grundsätzlich können Kinder aus einkommensschwachen Haushalten bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen einen staatlichen Zuschuss für die Inanspruchnahme einer Lernförderung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) erhalten.

Die Praxis zeigt jedoch ein anderes Bild, indem diese Schüler nach wie vor deutlich gegenüber Haushalten mit höherem Einkommen benachteiligt sind. Trotz ohnehin schon schlechterer Bildungsvoraussetzungen erhalten sie sehr häufig keine adäquate, regelmäßige und qualifizierte Lernförderung. 


Ausgrenzung durch falsche Bürokratie

Im aktuellen Endbericht zur Evaluation des Bildungspakets vom Bundeministerium für Arbeit und Soziales werden eklatante Mängel bei der Bewilligung von Lernförderung aufgezeigt. Zwei der zahlreichen Merkmale sozialer Ungleichheit bei der Umsetzung des Bildungspakets werden im Folgenden kurz vorgestellt.

Das erste Merkmal:
Lernförderung wird gemäß gesetzlicher Grundlage nur dann bewilligt, wenn sie erforderlich ist, um „die nach den schulrechtlichen Bestimmungen festgelegten wesentlichen Lernziele zu erreichen (§ 28 Abs. 5 SGB II).“ Die restriktive Auslegung dieser Norm führt in der Praxis dazu, dass Lernförderung i.d.R . nur genehmigt wird, wenn eine Versetzung in die nächste Klassenstufe gefährdet ist.

Denkt man diese irrsinnige Interpretation konsequent weiter, dann kann ein Viertklässler mit einem ausreichenden Zeugnisdurchschnitt (4), ohne Versetzungsgefährdung, keine Lernförderung erhalten – der Übergang auf eine Hauptschule ist somit vorprogrammiert und gleiche Bildungs- und Erwerbslebenschancen bleiben ein Märchen. Eine äußerst sinnvolle Lernförderung in den Sommerferien zur Aufarbeitung der Wissenslücken ist nach dieser Interpretation, mit bereits erfolgter Versetzung in die nächsthöhere Klassenstufe, für diese Kinder ebenfalls nicht möglich.

Ein zweites Merkmal:
Die Feststellung, ob eine Versetzung und somit das Erreichen des Lernziels gefährdet sei, könne laut Interpretation der meisten Fallstudienkommunen aus dem vorliegenden Endbericht nur dann erfolgen, wenn das Schuljahr bereits erheblich fortgeschritten sei. Die Bewilligung einer Lernförderung im ersten Schulhalbjahr kann dieser Logik zu Folge also nur eine Ausnahme sein.

In den untersuchten Fallstudien wurde durch das Bundesministerium festgestellt, dass viele Schulkinder aus einkommensschwachen Familien daher, wenn überhaupt, nur wenige Monate im Schuljahr Lernförderung erhalten. Hintergrund ist die Annahme der leistenden BuT-Behörden, dass sich erst im fortgeschrittenen Laufe des Schuljahres, i.d.R. im 2. Schulhalbjahr, zeigen könne, ob eine akute Versetzungsgefährdung vorliege.

Als Folge zeigen sich flickenteppichartige Lernförderungspraktiken, durchzogen von langen förderungsfreien Zeiten. Einkommenssolide Familien hingegen ermöglichen ihren Kindern eine regelmäßige Lernförderung, die sich oftmals über das gesamte Schuljahr, oder gar mehrere Schuljahre erstreckt, um ein bestmögliches Abitur für ihr Kind zu gewährleisten – ein Wunsch von dem einkommensschwache Familien für ihre Kinder nur träumen können.


Gewalt: Eine Folge sozialer Ungleichheit.

Dabei zeigen aktuelle wissenschaftliche Befunde einen signifikanten Zusammenhang der Risikoerhöhung für interpersonale Gewalt zwischen mangelndem Schulerfolg, schlechter Lernmotivation und Schulverweis sowie geringer sozialer Unterstützung auf. Bei den Jugendlichen zwischen 12-14 Jahren tritt sogar eine verstärkte Verschiebung der Gewichtung risikoerhöhender Faktoren hervor, sodass Schulleistungen und weitere soziale Faktoren gerade in dieser Altersgruppe besonders in den Vordergrund rücken.

Somit verstärkt soziale Ungleichheit im Bildungssektor mittelbar das Problem von Jugendkriminalität und zementiert die Tendenzen zu einer Zweiklassengesellschaft, indem Bildungsaufstieg und Chancengleichheit in der Realität nicht existieren und eine leere Floskel bleiben.


Lösungen

Im Endbericht zur Evaluation des Bildungspakets wird daher empfohlen, dass das Bildungs- und Teilhabepaket als sinnvolle Zukunftsinvestition auch den Bildungsaufstieg gewährleisten solle. Ferner müsse die Beantragung der Lernförderung zu jedem Zeitpunkt im Schuljahr erfolgen können.

Die Umsetzung dieser Empfehlungen muss man als essentiell erachten, um eine chancengleiche Gesellschaft aufbauen zu können, in der es auch Menschen aus bildungsfernen und einkommensschwachen Schichten ermöglicht wird eine gute Bildung zu erlangen, welche die Grundlage für ein anschließendes auskömmliches Erwerbsleben bildet.

Gerade ein individuelles Lerncoaching ist geeignet verschiedene risikomildernde Faktoren für die Entwicklung von Gewalt zu stärken und Jugendlichen somit eine Perspektive zu geben. So zählen insbesondere hohe Sprachfertigkeiten, aktives Bewältigungsverhalten und Selbsthilfefertigkeiten als bedeutende Resilienzfaktoren, denen eine hohe Präventivkraft beigemessen wird.

Speziell die Entwicklung der Sprachfertigkeiten und das Trainieren der Selbsthilfefertigkeiten (z.B. das Erlernen von Lerntechniken) bedürfen einer individuellen Lerncoachingsituation, die über einen regelmäßigen, soliden Zeitraum aufrechterhalten werden muss und so prädestiniert ist signifikante Ergebnisse hervorzurufen.

Abschließend zeigen Ergebnisse kriminologischer Forschung weitere Schutzfaktoren innerhalb des sozialen Umfelds auf, die im engen Zusammenhang mit professioneller Lernförderung einhergehen können. So wirken insgesamt positive Schulerfahrungen als auch soziale Unterstützung (z.B. realisierbar in Form einer barrierearmen, unkomplizierten und regelmäßigen Ermöglichung von Lernförderung durch leistende BuT-Behörden) als bedeutende risikomildernde Faktoren gegen Jugendgewalt.


Quellen:
Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Evaluation der bundesweiten Inanspruchnahme und Umsetzung der Leistungen für Bildung und Teilhabe. Schlussbericht, 2016

Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention: Gelingensbedingungen für die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter, 3. Auflage, 2012.

Effektive Kriminalitätsprävention durch individuelles Lerncoaching

Soziale Ungleichheit: Merkmale. Folgen. Lösungen.
links: Dr. Mario Bachmann, rechts: Daniel Kliche

Aufwind-Institut: Herr Dr. Bachmann, welcher Zusammenhang besteht zwischen Bildung und Kriminalität?

Dr. Bachmann: Auf den Punkt gebracht, lässt sich sagen: Je niedriger das Bildungsniveau, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit kriminellen Verhaltens. Die Forschungslage hierzu ist erfreulich klar.

Aufwind-Institut: Wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären?

Dr. Bachmann: Von einer guten Bildung hängt für den Einzelnen vieles ab. Wer die Schule ohne Abschluss verlässt, hat es in der Regel nicht leicht, seine Ziele zu erreichen. Das beginnt schon mit der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ohne diesen wiederum wird es schwer im Berufsleben. Häufig ist dann das Geld für die notwendigen Dinge des Lebens nicht vorhanden. Wem durch mangelnde Bildung also letztlich die Möglichkeiten fehlen, auf legale Weise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und seine Wünsche zu erfüllen, neigt mehr dazu, es auf unerlaubten Wegen zu versuchen. Und denken Sie auch an das Frust- und Aggressionspotenzial, das mit Perspektivlosigkeit einhergehen kann.

Aufwind-Institut: Neben dem Umstand, dass überhaupt ein Schulabschluss vorhanden ist, dürfte sicher auch eine Rolle spielen, welcher Bildungsweg beschritten wird. Ist das richtig?

Dr. Bachmann: So ist es. Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler an Gymnasien weniger kriminalitätsbelastet sind als solche an Hauptschulen.

Aufwind-Institut: Dies alles spricht letztlich dafür, dass unsere Gesellschaft nichts unversucht lassen sollte, um jedem Kind die bestmögliche schulische Förderung zu ermöglichen.

Dr. Bachmann: Ja, und dabei geht es keineswegs „nur“ um die Verhinderung von Straftaten, sondern auch um die Vermeidung immenser Folgekosten für die Gesellschaft. Ein anschauliches Beispiel hierfür sind die Sozialleistungen: Wer seinen Lebensunterhalt nicht ausreichend selbst sichern kann, ist auf sie angewiesen.

Aufwind-Institut: Lassen Sie uns aber nicht nur auf die Probleme mangelnder Schulbildung schauen, sondern auch mögliche Lösungen in den Blick nehmen. Welche Bedeutung hat etwa eine individuelle Lernförderung, wie sie vom „Aufwind-Institut“ angeboten wird?

Dr. Bachmann: Das ist genau die richtige Maßnahme für Schülerinnen und Schüler, die erhebliche Lernschwierigkeiten haben und deren Förderbedarf in einer Gruppe nicht hinreichend Rechnung getragen werden kann. Von einer individuellen Lernförderung können z.B. Kinder profitieren, die nur schwer die notwendige Motivation oder Konzentration zu regelmäßigem Lernen aufbringen können und möglicherweise häufig die Schule schwänzen, die – eventuell schon mehrfach – nicht in die nächste Klassenstufe versetzt werden konnten oder mangelnde Deutschkenntnisse haben, weil sie etwa aus ihren Heimatländern fliehen mussten.

Aufwind-Institut: Im 2016 veröffentlichten Endbericht zur Evaluation des Bildungspakets des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wird deutlich aufgezeigt, dass Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern eine solche professionelle Lernförderung größtenteils vorenthalten bleibt. Wie bewerten Sie das?

Dr. Bachmann: Das ist nicht hinnehmbar! Es handelt sich dabei um Fälle, in denen ein besonders großes Risiko besteht, dass die betroffenen Kinder ihre schulische Laufbahn nicht erfolgreich beenden werden, und zwar mit all den negativen Folgen, die damit einhergehen und die bereits beschrieben wurden. Den zuständigen Stellen ist dringend zu empfehlen, keine Kosten und Mühen zu scheuen, um gerade auch Kindern aus einkommensschwachen Familien individuelle Lernförderung zu ermöglichen. Das gibt es nicht zum Nulltarif. Es ist aber eine Investition, die großen gesamtgesellschaftlichen Nutzen hat, weil sie kriminalpräventiv und integrierend wirkt sowie Kosten vermeidet, die um ein Vielfaches über denen für die Lernförderung selbst liegen. Ich erinnere noch einmal an die schon erwähnten Sozialleistungen, die im Fall späterer Arbeitslosigkeit aufzubringen wären oder – wenn es ganz schlimm kommt – an die hohen Kosten für den Strafvollzug.

Aufwind-Institut: Herr Dr. Bachmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Portrait Dr. Mario Bachmann
Dr. Mario Bachmann

Dr. Mario Bachmann lehrt und forscht an der Universität zu Köln in den Bereichen Straf- und Strafprozessrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug.